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Waves, 2017
Kunstverein, Bochum, Germany
Solo Show

a collaboration with Vivian Wang
curated by Eva Wruck


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Die Rauminstallation waves befasst sich mit Europa, wobei verschiedene Facetten Europas aufscheinen: Europa als mythische Figur, von deren Raub Ovid in den Metamorphosen erzählt, Europa als Länderverbund, als politische und kulturelle Institution, Europa als Kontinent und als quasi-nationalstaatlicher Identifikationsfaktor seiner Bewohner. Die Thematik kommt nicht von ungefähr, wird doch gerade mit den Separationsbestrebungen Englands und Kataloniens in jüngster Vergangenheit die Frage nach Europas Legitimation und Funktion aufgeworfen. In der Arbeit von U5 spielen nicht nur Migrationsbewegungen und Orientierungsschwierigkeiten eine Rolle, sondern auch Globalisierung und der Verlust von Individualität, sowie die Problematik einer angemessenen, eingängigen Repräsentation Europas. Hat Amerika ‚stars and stripes’ und das Weiße Haus, so beschwört Europas Parlament in Straßburg beispielsweise kaum ein Bild herauf. Auch wenn der Vergleich der USA mit Europa aufgrund der unterschiedlichen Struktur hinkt, so vermag er doch die Problematik deutlich zu machen: Europa scheint es an unmittelbar einleuchtenden Identifikationsangeboten zu mangeln. In der Installation eröffnen sich Problemfelder, die allesamt unterschiedliche Aspekte des Spannungsfeldes von Individualität und Kollektivismus auffächern: doppelte Identifikation (nationalstaatlich und europäisch), öffentlicher, virtueller und privater Raum, durch Konsum repräsentierte Globalisierung und kulturelle Individualität. Damit verhandelt waves auch das grundsätzliche Thema des Künstlerkollektivs, das sich genau mit diesen Aspekten befasst.

Die Installation wird strukturiert durch acht Zelte, die durch blaue Vorhänge voneinander separiert und mit Kissen und Devontionalien verschiedener Art bestückt sind: Orchideen, Räucherstäbchen und andere, aus dem Buddhismus hergeleitete Opfergaben finden sich hier neben chirurgischen Instrumenten, Wunderbäumen und Spielsteinen, um nur einige Elemente zu nennen. Jedes Zelt ist mit einem dem I Ging entnommenen Zeichen versehen, das als altgedientes chinesisches Orakel Ratschläge und Handlungsanweisungen zu geben vermag, aber auch philosophische und politische Einsichten eröffnen kann. I Ging wird auch das „Buch der Wandlungen“ genannt und dementsprechend spielen Bewegung, Veränderung und Zufall hier eine zentrale Rolle. U5 kombinieren in der Installation fernöstliche Traditionen und Elemente mit der Europa-Thematik, so dass auch die frühere Kolonialpolitik gleichsam als Beginn der Globalisierung am Horizont aufscheint. In seiner ganzen Orientierungslosigkeit und Prozesshaftigkeit scheint Europas Zukunft mittels I Ging befragt zu werden, ohne jedoch in Vorhersagen oder Deutungen zu münden. Die Situation oszilliert zwischen Enthüllen und Verbergen, schwankt zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Assoziationen von Lazaretten, Flüchtlingsunterkünften und Wahlkabinen kommen in den Sinn, Orte, die alle durch ein Wechselspiel von privatem und öffentlichem Raum gekennzeichnet sind. Die zunehmende Verschränkung dieser beiden Raumtypen, die durch die Virtualisierung und Digitalisierung der Lebenswelt befördert wird, wird hier thematisch und in weiteren Elementen der Installation aufgegriffen. So findet sich am Ende des Zeltganges eine Mauer aus transparenten, mit Wasser gefüllten Plastikflaschen, deren Etiketten durch Wortfragmente ausgetauscht worden sind. Das Spannungsfeld entfaltet sich zwischen der materiellen Präsenz der Flaschenmauer und der Immaterialität des virtuellen Raums, auf den die Worte verweisen. Darüber hinaus finden sich vor den Zelten und am Eingang zur Installation weiße Bücher, die mit Textfragmenten aus Spam-Mails umkleidet worden sind und sowohl auf die Anonymität als auch die (materielle und inhaltliche) Gehaltlosigkeit großer Teile des Internets hinweisen.


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Globalisierung und der Verlust von Individualität mit Tendenz zur Beliebigkeit wird von U5 am Beispiel des Konsums aufgegriffen. Statt der gelben Sterne Europas erscheint auf den blauen Vorhängen das wellenartig verzerrte, gelb gefärbte Logo der omnipräsenten Kaffeehauskette Starbucks, während die Farben nicht nur auf Europa, sondern auch auf den internationalen Möbelgiganten IKEA verweisen und damit Europa und den globalisierten Konsum als austauschbare Konzepte zu suggerieren scheinen. Ist Europa mehr als eine Marke, deren (politische) Macht mit Wirtschaftsmacht gleichgesetzt werden kann? Ist Europa ein eindimensional gedachtes Konstrukt, das insbesondere auf die wirtschaftliche Optimierung ausgerichtet ist und daher ähnlich funktioniert wie eine global agierende Firma wie Starbucks oder IKEA? Möglicherweise entsteht die Schwierigkeit der Orientierung zahlreicher Europäer, sei sie parteipolitisch oder identitätspoltitisch, vor allem aus der Unmöglichkeit (und vielleicht auch der fehlenden Notwendigkeit), über Jahrhunderte entstandene Kulturen unter einem neuen Begriff zu vereinen. Wer braucht Europa und wozu, könnte man fragen. Europa ist in dieser Hinsicht ein ähnliches Phänomen der Überforderung wie die Globalisierung, die das Ziel einer weltweiten, auf Konsum basierenden Identität verfolgt.

Die Eröffnung der Ausstellung wurde von U5 in Zusammenarbeit mit der Musikerin Vivien Wang performativ gestaltet. Während Wang Beethovens op. 111 elektronisch verfremdete, so dass die Musik nur als Spur übrig blieb, lagen U5 maskiert und verkehrt herum bekleidet in den Zelten.

(Text: Eva Wruck)


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